Den Heiligen Sehen

Zum 190. Geburtstag von Ellen Gould (Harmon) White (26.11.1827-16.07.1915)

Gott persönlich sehen

Wie muss es wohl sein, Gott zu sehen? Hättest du Angst? In der Bibel wird berichtet, dass oft die Menschen Angst hatten, als sich ihnen Gott offenbarte. Deshalb ermutigt er sie mit den Worten „fürchtet euch nicht“ (siehe u.a. 1Mo 15,1; 2Mo 20,19.20; Ri 6,23; Jes 41,10; Jer 1,8; Lk 1,13.30; 2,10).

Was würdest du empfinden, wenn sich Gott dir offenbaren würde? Als Kind habe ich mir das manchmal gewünscht und es mir phantastisch vorgestellt. Ich dachte, dass es meinen Glauben exponentiell vergrößern würde. Aber inzwischen weiß ich, dass übernatürliche Phänomene keine Garantie für einen großen Glauben sind. Dafür gibt es einige Beispiele in der Bibel. Die Israeliten sahen die Wolken- und Feuersäule, erlebten große Wunder, aber Gott zu vertrauen, das fiel ihnen schwer. Die Pharisäer bezeugten die Wunder Jesu, sie konnten dem Sohn Gottes in die Augen schauen, aber nachgefolgt sind sie ihm trotzdem nicht – bis auf ganz wenige Ausnahmen. Heute weiß ich, dass ich Gott nicht sehen muss, um an ihn zu glauben. Und eigentlich sehe ich ihn ja doch – in seinem offenbarten Wort – und ich vertraue seiner Offenbarung!

Können Menschen Gott sehen? Wenn geschrieben steht „niemand hat Gott je gesehen“ (Joh 1,18), dann bezieht es sich auf Gott Vater. Als Mose Ihn sehen wollte, wurde er gewarnt: „Mein Angesicht kannst du nicht sehen, denn kein Mensch wird leben, der mich sieht!“ (2.Mo 33,20). Nach der Erschaffung der Menschen verkehrte der Herr noch direkt mit seinen Geschöpfen im Garten Eden. Die Menschen konnten Ihn sehen – von Angesicht zu Angesicht – und hatten keine Angst (1Mo 1,27-30). Durch den Sündenfall wurde die direkte Verbindung zwischen Gott und Mensch unterbrochen. Der Herr, die Engel und die gesamte Welt Gottes wurden für den Menschen unsichtbar (vgl. 1Mo 3,22-24). Dennoch hat Gott immer wieder den Kontakt zu seinen Geschöpfen gesucht. Die Bibel berichtet verschiedene Offenbarungen Gottes, die man nach dem gr. Wort teophanie = Gotteserscheinung nennt. Dieses „Reden Gottes“ geschah „vielfältig und auf vielerlei Weise“ (Hebr 1,1). Zum Beispiel durch

  • Propheten (1Mo 20,7; Jer 7,25; Am 3,7; Röm 1,2)
  • Engel (1Mo 16,7; 19,5; Ri 6,11.12; 13,13; Dan 8,15.16),
  • eine akustische Stimme (2Mo 20,1.18.19; 33,11; 5Mo 4,12; Mt 3,17; 17,5)
  • die Lose „Urim und Thummim“ (2Mo 28,30; 1Sa 28,6; Esra 2,63; Neh 7,65)
  • den Heiligen Geist (2Sa 23,2; Lk 12,12; Joh 14,26; Apg 1,16; 1Tim 4,1)
  • Gottes Sohn, Jesus Christus (Joh 1,18; 14,9; Hebr 1,1.2).

Wir kennen und erkennen Gott nur durch seine Offenbarung. Hätte Gott sich nicht offenbart, dann wüssten wir nicht, wie er wirklich ist. In der Bibel können wir darüber lesen. Petrus nennt die Menschen, denen sich Gott offenbart hat, „heilig“ (2Pt 1,20.21). Es sind die Propheten (gr. pro = für, gr. phetes = sprechen, Pro-phet = Für-Sprecher). Durch sie und durch Jesus Christus hat sich Gott für uns Menschen sichtbar gemacht und zu „uns“ geredet (Hebr 1,1.2). Was für ein Vorrecht, Jesus persönlich zu sehen und durch Jesus zu erkennen, wie Gott ist!

Träume und Visionen

Die Propheten hatten das Vorrecht, Jesus zu sehen (Jes 6; Dan 10; Off 1). Ihnen hat sich Gott durch Träume und Visionen offenbart (4Mo 12,6). Diese Offenbarungen Gottes sind Wunder. Manchmal kann der Prophet den Ort oder Zeitpunkt benennen, aber wie genau das Wort Gottes zum Propheten „geschah“ (Jer 1,2; Hes 1,3; Jon 1,1; etc.) bleibt ein Geheimnis.

Wie war das bei Ellen G. White (1827-1915)? Wenn sie in der Öffentlichkeit eine Vision hatte, berichten Augenzeugen von übernatürlichen Phänomenen. Am Anfang einer Vision wiederholte sie dreimal „Glory“ (Herrlichkeit). Anschließend war sie sich ihrer irdischen Umgebung nicht mehr bewusst. Ihre Augen blieben während der Vision geöffnet und oft gen Himmel gerichtet. Während der Vision hatte sie übernatürliche Kraft und ihre Atmung war ausgesetzt, obwohl Puls sowie Herzschlag normal weiterliefen.

Daniel T. Bourdeau (1835-1905) war am 21. Juni 1857 dabei, als Ellen White eine Vision hatte. James White erlaubte den Anwesenden, seine Frau während der Vision zu untersuchen. Hier ist sein Bericht:

Ich glaubte nicht an die Visionen, aber … um meinen Verstand zu befrieden, ob sie nun atmete oder nicht, legte ich meine Hand auf ihren Oberkörper und zwar zufriedenstellend lange, um genau zu wissen, dass die Lungen sich nicht bewegten, wie sie es hätten müssen, um nicht als Leiche zu enden. Dann nahm ich meine Hand und legte sie über ihren Mund, indem ich ihre Nasenlöcher zwischen meinen Daumen und Zeigefinger zudrückte, so dass es für sie unmöglich war, Luft aus- oder einzuatmen, selbst wenn sie es gewollt hätte. So hielt ich meine Hand ungefähr zehn Minuten lang, lange genug für sie, um unter normalen Umständen zu ersticken. Diese Qualen betrafen sie jedoch nicht das geringste. Seit ich Zeuge dieses wunderbaren Phänomens war, hatte ich nie mehr die Neigung dazu, den göttlichen Ursprung ihrer Visionen zu bezweifeln. (Arthur L. White, Ellen G. White Band 1, Washington DC: Review and Herald, 1985, S. 358.)

Gott sehen

Die Anzahl der Träume und Visionen, die Ellen White im Laufe ihres 70jährigen Wirkens als Botin des Herrn hatte, wurde von ihrem Enkel Arthur Lacey White (1907-1991) auf ca. 2.000 geschätzt. Sehr oft sah sie Jesus und redete mit ihm. Schon in der ersten Vision im Dezember 1844, wenige Tage nach ihrem 17. Geburtstag, sah sie Jesus, wie er das Adventvolk auf dem schmalen Pfad in die Heilige Stadt führt (siehe Ellen White, Frühe Schriften, Wien: Wegweiser-Verlag, 1992, S. 12-18).

Im Februar 1845 sah Ellen White

…einen Thron, auf dem der Vater und Sohn saßen. Ich betrachtete die Erscheinung Jesu und bewunderte seine holde Gestalt [engl. lovely person]. Des Vaters Gestalt konnte ich nicht sehen, denn eine Wolke strahlenden Lichtes bedeckte sie. Ich fragte Jesus, ob sein Vater eine Gestalt habe wie er selbst. Er sagte, dass es so sei, aber dass ich ihn nicht sehen könne, denn wenn ich die Herrlichkeit seiner Person sehen würde, müsste ich sterben. … Ich sah den Vater sich von dem Thron erheben und in einem Feuerwagen in das Allerheiligste hinter den Vorhang gehen und sich niedersetzen. Dann erhob sich Jesus von dem Thron, und die meisten, die vor demselben gebeugt waren, erhoben sich mit ihm. (Ebenda, S. 45)

Später erklärte Ellen White dazu:

Auf Seite 45 berichtete ich, dass eine Wolke strahlenden Lichtes den Vater umgab, und dass seine Person nicht gesehen werden konnte. Ferner sagte ich, dass ich den Vater sich von dem Throne erheben sah. Der Vater war so mit Licht und Herrlichkeit umgeben, dass seine Person nicht sichtbar war, aber ich wusste, dass es der Vater war, und dass dies Licht und diese Herrlichkeit von seiner Person ausging. Als ich dies Licht und diese Herrlichkeit von dem Throne verschwinden sah, wusste ich, dass dies durch das Aufstehen des Vaters verursacht wurde, deshalb sagte ich, ich sah den Vater sich erheben. Die Pracht oder die Hoheit seiner Gestalt sah ich niemals; niemand könnte ihn sehen und leben; doch die Menge des Lichtes und der Herrlichkeit, die ihn umgab, konnte ich sehen. (Ebenda, S. 84)

Beim Lesen der Bücher von Ellen White malt sie mir die Liebe Gottes vor Augen. „Gott ist Liebe“ sind die ersten Worte im Buch Patriarchen und Propheten bzw. in Wie alles begann. „Gott ist Liebe“ sind die letzten Worte in Buch Der Große Kampf bzw. Vom Schatten zum Licht (S.621). Ich empfange in den Schriften von Ellen White viel Trost und Ermutigung, wie zum Beispiel dieses Zitat:

Sein liebevolles Herz ist beim Anblick unseres Kummers berührt, und erst recht, wenn wir ihm unsere Sorgen vortragen. Komm mit allem, was dein Denken verwirrt und belastet, zu ihm. Nichts ist zu groß, als dass er es nicht tragen könnte, denn er hält Welten in seiner Hand und hat alle Angelegenheiten des Universums unter seiner Kontrolle. Nichts, was unseren Frieden auch nur ansatzweise stört, ist zu geringfügig für ihn, als dass es seiner Aufmerksamkeit entginge. Es gibt kein Kapitel in unserem Leben, das er nicht lesen könnte, weil es zu dunkel ist. Und es gibt keine Schwierigkeit, die so kompliziert wäre, dass er sie nicht lösen könnte. Kein Unglück kann dem Geringsten seiner Kinder zustoßen, keine Angst ihr Herz quälen keine Freude sie erheitern, kein aufrichtiges Gebet über ihre Lippen kommen, das unser himmlischer Vater nicht wahrnehmen und dem er sich nicht augenblicklich voller Interesse zuwenden würde. ‚Er heilt, die zerbrochenen Herzens sind, und verbindet ihre Wunden.‘ (Psalm 147,3) Die Beziehung zwischen Gott und einem jeden Menschen ist so individuell und so tief, als ob es auf der ganzen Erde keinen weiteren Menschen gäbe, um den er sich auch noch kümmern müsste – als wäre dieser die einzige Seele, für die er seinen geliebten Sohn dahingab. (Ellen White, Der rettende Weg: Jesus Christus, S.123)

Hier schreibt jemand, der Jesus gesehen hat! Mir fehlen die Worte, mein Staunen und meine Ehrfurcht auszudrücken, meine Begeisterung, meine Achtung und meinen Respekt, meine Neugier und meine Sehnsucht, Jesus eines Tages auch einmal von Angesicht zu Angesicht zu sehen.

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