Die „Übrigen“

Ist die Kirche der Siebenten-Tags-Adventisten die Gemeinde der „Übrigen“? Wenn ich so frage, muss ich die „Übrigen“ kurz erklären. Der Begriff kommt aus Offenbarung 12,17 und meint die Nachkommen der „Frau“, die in Offenbarung 12 die Gemeinde Gottes darstellt. Es ist die Zeit nach den „1.260 Tagen“ (Vers 6), also die Zeit, nachdem Napoleon Papst Pius VI. absetzte, die Zeit nach dem Jahr 1798. Mit den „Übrigen“ ist somit die Gemeinde Gottes in der Endzeit gemeint. Ist das die Kirche der Siebenten-Tags-Adventisten?

In Offenbarung 12,17 werden drei Kennzeichen genannt: (1) Der „Drache“ (nach Vers 9: Satan) ist zornig und führt „Krieg“ gegen diese Gemeinde, (2) sie befolgen alle Gebote Gottes (auch das 4. Gebot, wo es um den 7. Tag, den Samstag als Sabbat geht) und (3) sie haben das „Zeugnis Jesu Christi“.

Dieses dritte Kennzeichen finde ich besonders interessant. Manche meinen, hier bezeugen (erzählen) die Gläubigen anderen Menschen von Jesus Christus. Da dies aber für jeden echten Christen selbstverständlich ist, warum sollte es dann hier explizit erwähnt werden? Ein anderes Verständnis ist, dass Jesus von sich Zeugnis gibt, d. h. sich selber dieser Gemeinde offenbart. Was ist damit gemeint?

Johannes, der das letzte Buch der Bibel, die Offenbarung, aufgeschrieben hat, „bezeugt das Zeugnis Jesu Christi“ (Offenbarung 1,2). Die Offenbarung ist demnach „das Zeugnis Jesu Christi“. Am Ende der Offenbarung wird „das Zeugnis Jesu“ noch genauer erklärt:

Offenbarung 19,10: Und er sprach zu mir: Sieh dich vor, tue es nicht! Ich bin dein Mitknecht und der deiner Brüder, die das Zeugnis Jesu haben. Bete Gott an! Denn das Zeugnis Jesu ist der Geist der Weissagung.Offenbarung 22,8b.9: Und er sprach zu mir: Sieh dich vor, tue es nicht! Denn ich bin dein Mitknecht und der deiner Brüder, der Propheten, und derer, welche die Worte dieses Buches bewahren. Bete Gott an!

Das „Zeugnis Jesu“ ist also der „Geist der Weissagung“ (Prophetie). Die „Brüder“ in Offenbarung 19,10, die das „Zeugnis Jesu haben“, sind die „Propheten“. Das Zeugnis Jesu ist demnach die Gabe der Prophetie. Hat sich Gott der Kirche der Siebenten-Tags-Adventisten durch einen Propheten offenbart? Im 18. Glaubenspunkt steht:

„Nach dem Zeugnis der Heiligen Schrift ist die Weissagung eine der Gaben des Heiligen Geistes. Diese Gabe ist ein Kennzeichen der Gemeinde der Übrigen und hat sich, wie wir glauben, im Dienst von Ellen G. White (1827-1915) erwiesen.“

Der Anspruch der Kirche der Siebenten-Tags-Adventisten, die Gemeinde der Übrigen zu sein, also die Endzeitgemeinde Gottes (mit einem wichtigen Auftrag) steht oder fällt also mit der Frage, ob Ellen G. White eine echte Prophetin war. Um diese Frage zu beantworten, kann man zum Beispiel einen „Propheten-Test“ durchführen. Eines der wichtigsten Kennzeichen nennt Jesus in Matthäus 7,16.20: „An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen.“

Welche Frucht hat Ellen G. White gebracht? Mir fallen da fünf Bereiche ein: (1) Den Aufbau und die Gründung des Verlagswerkes. (2) Die Unterstützung in der Organisation und Reorganisation der Kirche der Siebenten-Tags-Adventisten. (3) Die Gesundheitsbotschaft mit Errichtung von Gesundheitseinrichtungen. (4) Das Erziehungs- und Schulwesen mit der Gründung von adventistischen Ausbildungsstätten und (5) Die weltweite Missionsarbeit. In diesem Artikel beschränke ich mich auf die ersten beiden Punkte.

Die „Kleine Herde“ wächst

Ellen Harmon war 16 Jahre alt, als sie 1844 die Wiederkunft ihres Herrn und Heilandes Jesus Christus erwartete. Als dieser am 22. Oktober nicht wiederkam, war sie wie viele andere sehr enttäuscht. Am 26. November wurde sie 17 Jahre alt. Einige Tage darauf traf sie sich mit Freunden zum Gebet. Dort hatte sie ihre erste Vision. Gott gab ihr durch einen Engel die Zusage, dass Jesus Christus die „Adventisten“ (Miller-Bewegung) geführt hat und immer noch führt.

Als Ellen ihre Vision erzählte, lernte sie im Frühjahr 1845 den Farmer, Lehrer und Prediger James White (1821-1881) kennen. Er machte ihr das Angebot, sie auf ihren Reisen zu begleiten. Gemeinsam besuchten sie die Anhänger der Miller-Bewegung, ermutigten die Gläubigen und ermahnten die Fanatiker. Dabei erlebten sie auch Heilungswunder. Schließlich heirateten James und Ellen am 30. August 1846.

Im gleichen Jahr lasen sie einen Artikel von Hiram Edson (1806-1882), O. R. L. Crosier (1820-1912) und Dr. F. B. Hahn, in dem erklärt wurde, dass sich das Heiligtum aus Daniel 8,14 auf eine Stätte im Himmel bezog. Die Reinigung des Heiligtums ab 1844 war noch nicht abgeschlossen. Demnach war die Rechnung (das Ende der 2.300 Abend-Morgen im Jahr 1844), richtig, nur das erwartete Ereignis – die Wiederkunft – war falsch.

Im gleichen Jahr hatte Joseph Bates (1792-1872) durch eine Broschüre von Thomas Preble den Samstag als biblischen Siebenten-Tags Sabbat entdeckt. Er veröffentlichte seine Erkenntnisse in einer Broschüre und sandte sie an James und Ellen. Beide studierten die Bibeltexte und hielten fortan den Samstag als Ruhetag. Ellen ließ sich nach dieser Erkenntnis von ihrem Mann James noch einmal taufen.

Um sich über diese und weitere Fragen und Themen auszutauschen, trafen sich die ehemaligen Milleriten ab Ende 1846 an verschiedenen Orten. Sie einigten sich auf grundlegende biblische Wahrheiten, u. a. auch darauf, dass Gott sie durch die Gabe der Prophetie führt, wie sie sich im Dienst von Ellen White erwies.

Bei einem solchen Treffen Im Oktober 1848 kam die Idee auf, dass sie ihre Erkenntnisse in einer Zeitschrift veröffentlichen sollten. Zu diesem Zeitpunkt konnte sich noch niemand vorstellen, wer das finanzieren soll. Bei einem weiteren Treffen am 18. November 1848 hatte Ellen White eine Vision und gab ihrem Mann die Botschaft weiter:

„Du sollst damit beginnen, eine kleine Zeitung zu drucken und sie an die Leute zu senden. Lass sie am Anfang klein sein, doch wenn die Leute lesen, werden sie dir die Mittel zum Druck schicken. Es wird von Anfang an ein Erfolg sein. Mir wurde gezeigt, wie aus diesem kleinen Anfang große helle Lichtstrahlen um die ganze Welt gehen.“ (Arthur L. White, Ellen G. White, Band 1, Washington DC: Review and Herald, 1985, 151)

James zögerte noch und machte sich Sorgen über die Kosten. Doch als seine Frau ihm erneut nach einer Vision den Willen Gottes eröffnete, nahm James den Stift in die Hand und schrieb und schrieb und schrieb. Die erste Ausgabe der Zeitschrift „The Present Truth“ erschien im Juli 1849. Ab 1. August 1850 brachte er noch eine zweite Zeitschrift heraus: „The Advent Review“. Beide Zeitschriften wurden ab November 1850 im „Second Advent Review and Sabbath Herald“ zusammengelegt (daraus wurde der „Review and Herald“ Verlag – den gibt es heute noch).

Wie Gott durch Ellen White vorhergesagt hatte, wurden die Mittel für den Druck von den Leuten zur Verfügung gestellt. Durch dieses Verlagswerk fing die „Kleine Herde“ so richtig an zu wachsen.

Die Gründung einer Kirche

James und Ellen White, inzwischen Eltern von zwei Söhnen, waren bald mit Vortrags- und vor allem Verlagsarbeit sehr ausgelastet. Im April 1852 zogen sie nach Rochester, New York, mieteten ein Haus und kauften eine Hand-Druckerpresse für ca. $ 650.

Joseph Bates hatte auf seinen Missionsreisen die kleine Ortschaft Battle Creek in Michigan entdeckt und dort einige ehemalige Miller-Anhänger vom biblischen Sabbat überzeugt. Diese Brüder luden James und Ellen samt Belegschaft und Druckerpresse nach Battle Creek ein, versprachen ihnen finanzielle Unterstützung für die Übersiedelung und Unterbringung. James und Ellen nahmen das Angebot an und zogen Ende 1855 nach Michigan um.

In den nächsten Jahren wurde Battle Creek das Zentrum des Adventismus. Die Hand-Druckerpresse wurde ab 1857 durch eine dampfbetriebene Druckmaschine ersetzt. Die Anhängerzahl der sabbathaltenden Adventisten stieg, ebenso die Ausgaben des Verlagswerkes. Schließlich wurden die Herausforderungen für die „Kleine Herde“ immer größer: Die Frage der Besitzrechte für die Druckerei musste geklärt werden, denn bisher war alles – die Druckmaschine, das Grundstück, etc. – in privaten Händen. Darüber hinaus gab es für Prediger noch keine Anstellung, keine Beglaubigung und keine finanzielle Unterstützung. Sich nach den Gesetzen des Landes als Verlag zu organisieren und damit auch einen Namen zu geben, wurde damals von einigen stark bekämpft. Diese Personen meinten, dass das Gründen einer Institution/Kirche eine Form von „Babylon“ sei. James und vor allem Ellen White machten sich aber für eine Organisation stark. Ellen schrieb: „Mir wurde gezeigt, dass einige befürchteten, unsere Kirchen würden Babylon werden, wenn sie sich organisieren. (…) Wenn die Kirchen sich nicht so organisieren, dass sie Ordnung schaffen und Ordnung durchsetzen können, haben sie für die Zukunft nichts zu hoffen; sie werden in Fragmente zersplittern.“ (Vision vom 3. August 1861, veröffentlicht in Review and Herald, 27. August 1861, sowie in Testimonies for the Church, Band 1, S.270.)

Schließlich wurde im September 1860 die Entscheidung getroffen, eine Verlagsgesellschaft zu gründen. Da man dafür einen Namen brauchte, entschied man sich – nach nicht wenigen Diskussionen – für „Seventh-day Adventist“ (Church), Kirche der Siebenten-Tags-Adventisten. In den darauffolgenden Monaten wurden erste Vereinigungen organisiert. Im Mai 1863 wurden diese Vereinigungen in einer Generalkonferenz der Kirche der Siebenten-Tags-Adventisten zusammengefasst. Zu diesem Zeitpunkt gab es ca. 3.500 Mitglieder, 6 Vereinigungen, 125 Gemeinden und ca. 30 Prediger.

Ellen White betont:

„Gott ist ein Gott der Ordnung. In allem, was mit dem Himmel verbunden ist, herrscht vollkommene Ordnung. Dienstbarkeit und völliger Gehorsam kennzeichnen auch die Haltung der Engelschar. Nur aufeinander abgestimmtes, ordnungsgemäßes Handeln verbürgt Erfolg. Nicht weniger als zur Zeit Israels verlangt Gott heute in seinem Werk sinnvolle Planmäßigkeit. Wer für ihn arbeitet, soll das klug, nicht unachtsam und wahllos tun. Gott will sein Werk mit Treue und Sorgfalt getan haben, damit er ihm das Siegel seiner Anerkennung aufdrücken kann.“ (Patriarchen und Propheten, Lüneburg: Advent-Verlag, 1999, 355)

Hinweis: Dieser Artikel erschien in der Zeitschrift Salvation & Service, Ausgabe 1, 2018, Nr 53, S. 42-45

2 Kommentare

  1. Das Problem ist nicht die Person von Ellen White und sind nicht ihre Texte. Das Problem ist der Begriff „Gemeinde“ der Übrigen. Die Bibel spricht von den Übrigen. Es sind wohl damit Menschen der aktuellen Zeit gemeint, die sich (gemäß ihrer Erkenntnis) an Gott/Jesus ausrichten und ihm folgen wollen. Der Begriff „Gemeinde“ suggeriert, dass die Übrigen ausschließlich Teil einer kirchlichen Organisation sind – und womöglich nur diese gerettet werden. Sollte damit lediglich der spezielle Auftrag zur Verkündigung gemeint sein, ist diese Bezeichnung trotzdem irreführend. Er führt zu Vorbehalten und dem Vorwurf des Alleinvertretungsanspruchs.

    • Danke für den Hinweis. Worte können unterschiedlich gefüllt werden. Zwischen „Kirche“ und „Gemeinde“ besteht für manche ein Unterschied. Da wo ich ursprünglich herkomme – aus Ostdeutschland – reduziert sich der Begriff „Kirche“ auf röm.-kath. oder luth.-evang. Nun arbeite ich seit einigen Jahren in Österreich und da sind viele christliche Denominationen eine „Kirche“. Der Begriff „Gemeinde“ lässt hierzulande eher an „Gemeinschaft“ (ohne feste Organisation) denken, während Kirche die organisierte Form ist.

      Du hast natürlich Recht, dass in Offenbarung 12,17 von „Übrigen von ihrem Samen“ die Rede ist und nicht ausdrücklich von „Gemeinde der Übrigen“. Im Zusammenhang von Offenbarung 12 stammen diese Übrigen von der Frau ab und diese symbolisiert nach meinem Verständnis die Gemeinde Gottes, zunächst die Zeit des AT, dann die Zeit des NT. Zur Zeit des NT haben sich die Christen organisiert (z.B. Aufgaben und Ämter in einer Gemeinde, siehe 1. Timotheus 3). Sobald Gläubige zusammenkommen ist eine Struktur hilfreich. Wenn die Gemeinschaft wächst, braucht es weitere Strukturen – bis zu einer vom Staat anerkannten Organisation. Da Gott ein Gott der Ordnung ist (vgl. 1Kor 14,40), sind entsprechende Strukturen in seinem Sinne.

      Die Kennzeichen der Übrigen – (1) Verfolgung, (2) Beachtung des Gesetzes, (3) Zeugnis Jesu – bezieht sich nicht auf einzelne Personen, sondern auf eine Gruppe von Gläubigen. Wenn sich diese Gläubigen strukturieren und organisieren, lässt es sich nicht vermeiden, dass dies in Abgrenzung zu anderen geschieht. Und da haben wir nun das Problem bzw. das Dilemma: Da will man den andere ja nicht anklagen oder Vorwürfe machen, aber weil man doch anderer Meinung ist und sich dieser auch gewiss sein darf, kommt es als Anklage oder Vorwurf herüber, nur weil man sich organisiert. Was will man da machen? Ich denke nicht, dass die Lösung darin besteht, die Übrigen als unorganisierte Gruppe von Gläubigen zu verstehen. Geht es doch um das Zeugnis Jesu = Gabe der Prophetie, die sich zwar auch an einzelne Personen richtet, doch hier vielmehr an eine Gruppe = Gemeinde, d.h. also Gemeinschaft von Gläubigen. Schließlich schafft doch der Heilige Geist eine Einheit, die sich auch als Gemeinde organisiert. Daher denke ich, dass der Begriff „Gemeinde der Übrigen“ an dieser Stelle durchaus passend ist.

      Doch um auch dies hier klar zu sagen: Dass die Kirche der Siebenten-Tags-Adventisten die „Gemeinde der Übrigen“ ist, meint nicht, dass nur diese allein gerettet werden, also in den Himmel kommen. Nicht Kirchen werden gerettet, sondern Menschen. Die Mitgliedschaft in einer Kirche garantiert nicht das ewige Leben und die Gemeindeliste ist nicht das Buch des Lebens. Was zählt ist die persönliche (Liebes)Beziehung, die Freundschaft mit Jesus, die sowohl als Zeugnis in der Welt, aber auch zur Glaubensstärkung in der Gemeinde ausgelebt wird.

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