Zeitgenössische Kritiker von Ellen G. White

Bild oben: C.P. Russell von der „Messenger-Party“
Die Geschichte der Ellen White Kritiker (252 Kb)

»Spiritualizer«

William Miller (1782-1849) hatte in Nordamerika eine Erweckungsbewegung ins Leben gerufen, die nach der großen Enttäuschung nach dem 22. Okt. 1844 zersplitterte. Eine dieser Gruppen glaubte, dass Jesus unsichtbar wiedergekommen sei und zeigte fanatisches Verhalten (u.a. dass Jesus in ihnen wohnt und sie nicht mehr sündigen, dass sie nicht mehr arbeiten müssen und heilig sind. Manche ließen sich von ihren Familienangehörigen bedienen. Andere führten sich wie kleine Kinder auf. Dieses extreme und fanatische Verhalten fügte dem Werk Gottes großen Schaden zu). Wenige Tage nach ihrem 17. Geburtstag hatte Ellen Harmon im Dezember 1844 ihre erste Vision, wo Gott den Milleriten Trost und Ermutigung schenkte. Ellen Harmon begann 1845 im Bundesstaat Maine ihre Vision(en) zu erzählen und besuchte gemeinsam mit James White die zerstreuten Milleriten. Dabei kamen sie auch zu Fanatikern (sie nennt sie »Spiritualizer«) und wollten ihnen im Auftrag Gottes helfen, stießen jedoch bei manchen auf Widerstand und Ablehnung. So wurden die Spiritualizer ihre ersten Kritiker, die Theorien über die Visionen und deren Phänomene verbreiteten. Sie sahen diese z.B. als eine Form Magnetismus, Mesmerismus oder Hypnose, von James an Ellen praktiziert (1Bio 76.86.90-91.180.). Als Ellen dann bei einer Vision dachte, dass es Mesmerismus sei, und sich dagegen weigerte, war sie 24 Stunden lang stumm, studierte die 50 Bibeltexte, die ihr in der Vision gezeigt worden waren und konnte wieder reden (EW 22.23). In der öffentlichen Vision in Randolph wurde den Anwesenden, darunter einige Spiritualizer, ein Zeugnis für den göttlichen Ursprung der Visionen gegeben (Vgl. 1Bio 100-105).

»Messenger-Party«1

1853 wurde Abigail Palmer, Ehefrau von Dan Palmer, aus der Gemeinde in Jackson, Michigan, von den Predigers H. S. Case und C. P. Russell für ihr Verhalten gegenüber ihrer Nachbarin zurechtgewiesen. Sie beschuldigten sie u.a. ein bestimmtes Schimpfwort benutzt zu haben. Als James und Ellen White die Gemeinde besuchten, hatte Ellen am 3. Juni 1853 eine Vision, in der Sr. Palmer für ihr Verhalten getadelt wurde. Daraufhin unterstützen Case und Russell Ellen White und ihre Vision vollständig und strebten Gemeindezucht für Palmer an. Am Abend des gleichen Tages hatte Ellen noch eine Vision, wo Case und Russel für ihr harsches und unfreundliches Verhalten getadelt wurden. Das bestimmte Schimpfwort hatte Palmer nicht benutzt. Als Ellen den Inhalt dieser Vision weitergab, bereute Palmer ihr Verhalten, Case und Russel jedoch zweifelten die Vision an. Noch im selben Jahr verließen sie die Gemeinde und gaben ab 1854 die Zeitschrift »Messenger of Truth« (Bote der Wahrheit) heraus, wo sie zunächst die Palmer-Sache aus ihrer Sicht darstellten, hauptsächlich aber gegen Ellen White und ihre Visionen schrieben. Der Titel ihrer Zeitschrift gab ihrer Abspaltung den Namen.

Im Nov 1854 wurde im Review and Herald auf Vorwürfe und Kritiken geantwortet. 1855 wollten sich die Führer der Sabbat-Adventisten deutlich gegen die Messenger-Party wehren, aber Ellen White hatte eine Vision (vgl. 1T 122-123). Sie lenkte die Aufmerksamkeit auf Jesus Christus und verwies u.a. darauf, dass die Messenger-Party jetzt, wo sie gegangen sind, den Sabbat-Adventisten2 weniger schaden können, als wenn sie noch bei ihnen geblieben wären. »Es ist Satans Werk, um unsere Aufmerksamkeit von der gegenwärtigen Wahrheit und der Wiederkunft Christi abzulenken.« (»Satan is in all this, to divert our minds from the present truth and the coming of Christ.« 1T 123.) Die Führer ignorierten daraufhin die Messenger-Party, welche sich 1858 auflöste.

»Marion-Party«3

Diese Abspaltung hatte ihren Sitz in Marion, Iowa, und geht auf die Prediger B. F. Snook und W. H. Brinkerhoff in den 1860er Jahren zurück. Nach Organisation der Generalkonferenz in Battle Creek und der Namensgebung »Kirche der Siebenten-Tags-Adventisten« im Mai 1863 wurden auch Vereinigungen gegründet. In der Iowa-Vereinigung wurde Snook zum Präsidenten und Brinkerhoff zum Sekretär gewählt. Beide äußerten sich jedoch zunehmend gegen eine formale Organisation und wollten statt »Siebenten-Tags-Adventisten« lieber »Church of God« heißen. Sie kritisierten James Whites Führung und Ellen Whites Visionen.

Im Juni 1865 besuchten James und Ellen White die Iowa-Vereinigung und beantworteten die Fragen und Kritiken der Vereinigungsleitung. Snook und Brinkerhoff entschuldigten sich daraufhin schriftlich für ihr Verhalten. Ihre Briefe wurden am 25. Juli 1865 im Review and Herald veröffentlicht. Jedoch nur wenige Wochen darauf änderten sie ihre Meinung, arbeiteten nun noch mehr gegen Gemeindeorganisation sowie gegen James und Ellen White, versammelten sich in Marion, Iowa, und brachten 1866 das Buch The Visions of E. G. White, Not of God (Die Visionen von E. G. White, Nicht von Gott) heraus. Sie sprechen darin u.a. die „Shut-Door-Theorie“ an, zeigen angebliche Widersprüche zwischen Bibel und Ellen White auf und behaupten, dass Ellen Whites Schriften wie eine andere Bibel betrachtet werden.

Weil sie nicht nur in Iowa, wo sie von den 60 Geschwistern 45 auf ihre Seite gezogen hatten, sondern bei vielen Adventisten vor allem durch ihr Buch Fragen über Ellen White aufgeworfen hatten, antwortete die Kirche auf die Kritik. Uriah Smith begann mit einem Manuskript, das zunächst als Artikelserie im Review and Herald erschien. 1868 wurde es als Buch mit dem Titel The Visions of Mrs. E. G. White, a Manifestation of Spiritual Gifts According to the Scriptures (Die Visionen von E. G. White – eine Offenbarung geistlicher Gaben gemäß der Heiligen Schrift) mit 144 Seiten und 50 Antworten veröffentlicht – die erste Apologetik von Ellen Whites prophetischen Dienst.

Nachdem Snook und Brinkerhoff die Marion-Party verließen, übernahmen andere ihre Position als Kritiker. H. E. Craver gab die Zeitschrift Advent and Sabbath Advocate sowie 1870 das Buch Mrs. E. G. White’s Claims to Divine Inspiration Examined (Mrs. E. G. Whites Anspruch göttlicher Inspiration hinterfragt) heraus, wo er versuchte, Argumente von Smiths Buch zu widerlegen. James White antwortete am 13. Juni 1871 im Review and Herald und verwies auf die Frucht, dass Menschen durch die Visionen und Schriften von Ellen White zu Gott, zur Bibel, zu Christus, zum Heiligen Geist, zum Halten der Gebote, etc. geführt wurden.

1877 veröffentlichte aus der Marion-Party H. C. Blanchard sein Buch The Testimonies of Mrs. E. G. White Compared With the Bible (Die Zeugnisse von Mrs. W. G. White im Vergleich mit der Bibel), wo er vor allem zeigen wollte, dass Ellen Whites Aussagen über die Gesundheitsreform der Bibel widersprächen.

Sehr große Diskussionen entstanden durch das von A. C. Long 1883 veröffentlichte Buch Comparison of the Early Writings of Mrs. White with Later Publications (Vergleich zwischen Frühen Schriften von Mrs. White und späteren Werken). Long behauptet vor allem, dass man frühe Aussagen von Ellen White vertuscht habe, weil sie häretischer Art seien. Dem Review and Herald vom 14. Aug. 1883 wurden 16 Seiten hinzugefügt, um auf Long zu antworten. Der GK-Präsident G. I. Butler antwortete persönlich, weil Long ihn zitiert hatte. Schließlich antwortete auch Ellen White, die sich sonst den Kritikern gegenüber kaum geäußert hatte. Am 28. Aug 1883 wandte sie sich im Review and Herald an ihre Leser. Ihre ausführliche Antwort sowie Stellungnahme wurde schließlich im ersten Band von Selected Messages (Für die Gemeinde Geschrieben) veröffentlicht.

Miles Grant (1819-1911) war ein Adventist, der den Siebenten-Tags-Sabbat nicht angenommen hatte.4 In seinem Buch The True Sabbath: Which Day Shall We Keep? An Examination of Mrs. Ellen White’s Visions (Der wahre Sabbat: Welchen Tag sollen wir halten? Eine Untersuchung der Visionen von Ellen White) wiederholte er die Argumente der Kritiker und zitierte Zeugenaussagen von Personen, die mit Ellen White zusammen waren. In einem privaten Brief an J. N. Loughborough widerlegte Ellen am 24. Aug. 1874 die Argumente und Zeugenaussagen, die Grant in seinen Schriften erwähnte.

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Fußnoten und Anmerkungen:

1 Lake 29-31, EGW Encyclopedia 152.974-976, Theodore N. Levterov, “The Messenger of Truth: Die erste Zeitschrift gegen die Sabbathalter und ihre Auswirkungen” in Adventist World, Juli 2013, 22-23.

2 Mit Sabbat-Adventisten meine ich die Kirche der Siebenten-Tags-Adventisten bis zu ihrer offiziellen Organisation im Mai 1863.

3 Lake, 31-40; EGW Encyclopedia, 959-960. Aus der Marion-Party wurde die noch heute existierende »Church of God (Seventh Day)«.

4 Vgl. Lake, 40-41; EGW Encyclopedia, 391.

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