Zum 150. Geburtstag: Heinrich Franz Schuberth (1868-1961)*

Heinrich Franz Schuberth wurde am 14. April 1868 in Hamburg geboren. Hier war sein Vater Friedrich Teilhaber des Musikverlages J. Schuberth & Co. Das Geschäft florierte und ermöglichte Schuberth eine gute Schulbildung mit anschließender Kaufmannslehre. Schuberth hätte im väterlichen Geschäft Karriere machen können, aber er entschied sich mit 19 Jahren die Welt kennenzulernen. So reiste er im Mai 1887 in die Vereinigten Staaten von Amerika.

Von New York aus schlug er sich bis in den Westen durch, wo er ab Herbst 1888 Arbeit auf einer Farm in Salem, Oregon (Westküste) fand. Hier fiel ihm auf, dass am Samstag nicht gearbeitet wurde. Auch sah er, dass etliche seiner Kollegen in ihrer Freizeit in einem Buch lasen und sich Notizen in ein Heft schrieben. Schuberth hatte sich bisher noch nicht mit dem Christentum beschäftigt. So stellte er neugierig seine Fragen und bekam von seinen missionseifrigen Kollegen Antworten. Als er die Einladung zu einer Gebetsversammlung annahm, war er überrascht, dass diese von seinem Arbeitgeber geleitet wurde. Die kurze Predigt bewegte ihn sehr. Schuberth besorgte sich eine eigene Bibel und eine Sabbatschullektion und las eifrig darin. Drei Monate später ließ er sich auf einer Zeltversammlung in Portland (Oregon) taufen.

Auf dieser Zeltversammlung ermutigte ihn John N. Loughborough (1832-1924), sich ganz der Arbeit des Herrn zu weihen. Das wollte Schuberth gerne tun, doch er war mit einem Verwandten eine Verpflichtung eingegangen. Er wollte sein Versprechen halten, fühlte sich aber gleichzeitig unwohl, mit einem „Gottesleugner“ gemeinsame Sache zu machen. Er legte es Gott im Gebet vor und der Herr gab ihm eine schnelle Antwort. Schon am nächsten Tag erreichte ihn ein Brief, worin sein Verwandter den Vertrag platzen ließ. Das war für Schuberth ein klares Zeichen.

Schuberth begann als Buchevangelist und Bibelarbeiter unter der deutschsprachigen Bevölkerung in der Oakland-Mission (Kalifornien) zu wirken. Diese Aufgabe fiel ihm anfangs schwer, da er noch jung im Glauben stand. Als er im deutschen Gemeindeblatt das Angebot einer Kurzausbildung an der deutschen Schule in Battle Creek, Michigan, fand, wollte er genau das in Anspruch nehmen. Aber er hatte nicht genug Geld, nicht einmal für die Reise nach Michigan. Er legte diese Sache wieder Gott im Gebet vor.

Und der Herr öffnete ihm die Tür: Auf einer großen Zeltversammlung 1889 in Oakland wurde ihm Ellen G. White (1827-1915) vorgestellt, die erst wenige Jahre zuvor (von 1885-1887) Europa bereist hatte. Ellen White bat Schuberth, sich während der Versammlung um ihr geliehenes Pferd und den Wagen zu kümmern. Schuberth willigte ein und wurde ihr persönlicher Chauffeur. Am Ende der Zeltversammlung war es Ellen White, die Schuberth fragte, ob er nicht Interesse hätte, die deutsche Schule in Battle Creek zu besuchen. Schuberth sagte ihr, dass er genau das machen wollte, aber nicht genug Geld dafür habe. Ellen White hatte da schon eine Idee.

Mit Ellen White und ihren Begleitern fuhr Schuberth nach Battle Creek. In den ersten Wochen wohnte er bei ihr im Haus, wo er die Botin des Herrn privat kennenlernen konnte. Schuberth besuchte die Andachten, hörte ihre Zeugnisse und berichtet: „Dieses Erlebnis hat einen derart tiefen Eindruck in mir hinterlassen, dass ich es wohl nie vergessen werde … Ich war beeindruckt von der Tatsache, dass sie eine gute Christin war, die das, was sie lehrte, auch selbst auslebte. Seit dieser Zeit habe ich ihre Schriften mit dem größten Interesse und Respekt gelesen.“ (Review and Herald, 01.06.1939, S.15)

Schuberth absolvierte die Bibelkurse und unterrichtete selbst Deutsch am Battle Creek College. Das Unterrichten lag ihm so gut, dass man ihm die Stelle als Lehrer an der neuen Schule in Lincoln, Nebraska, anbot. Dazu ging Schubert 1891 für ein Jahr nach Deutschland zurück, um in Bremen zu studieren. In Deutschland lernte er die Adventisten in Hamburg sowie Ludwig Richard Conradi (1856-1939) kennen. In Hamburg fand er auch seine große Liebe: Die Buchevangelistin Elisabeth Blass (1872-1934). Beide heirateten noch im gleich Jahr. Schuberth ist nun 23 Jahre alt.

Zurück in den USA unterrichtete Schuberth am neu gegründeten Union-College in Lincoln, Nebraska. Diese Aufgabe gefiel ihm so gut, dass er sich wünschte, bis zur Wiederkunft des Herrn dort zu wirken. Zwei Söhne wurden ihnen geboren: Otto (1893) und ein weiterer Sohn (1894). Im Herbst 1894 wurde Schuberth an die Missionsschule nach Hamburg gerufen. So machte er sich mit seiner Familie auf den Weg in seine Geburtsstadt. Auf der Fahrt nach Europa erkrankte jedoch ihr zweiter Sohn und starb kurz nach der Ankunft in Hamburg.

An der Missionsschule erwarteten ihn 16 Studenten. Neben seiner Lehrtätigkeit gab er Bibelstunden, hielt öffentliche Vorträge und war als Buchevangelist unterwegs. Als 1895 wegen Schwierigkeiten mit der Sonntagsarbeit der Verlag von Basel, Schweiz, nach Hamburg verlegt wurde, übernahm Schuberth die Redaktion von verschiedenen Zeitschriften. Im Alter von 30 Jahren (1898) wurde er zum Predigtdienst eingesegnet (ordiniert).

In den nächsten Jahren breitete sich die Adventbotschaft weiter aus. Die Missionsschule in Hamburg wurde zu klein. Als man die Missionsschule 1899 nach Friedensau verlegte, wurde Schuberth von der Lehrtätigkeit freigestellt. Dafür übertrug man ihm immer mehr administrative Aufgaben. So wurde er ab 1901 Vorsteher der Westdeutschen Vereinigung und Schriftführer der Deutschen Verbandskonferenz. 1902 übernahm er das Amt des Hilfsvorstehers (stellvertretender Vorsteher) des Deutschen Verbandes. Zusätzlich übergab man ihm die Aufsicht über das niederländische Missionsfeld, wo er theologische Schwierigkeiten erfolgreich meisterte.

1903 wurde Schuberth zum Stellvertreter von Ludwig Richard Conradi. Mit 37 Jahren (1905) wählte man ihn zum Vorsteher der Deutsch-Schweizer Vereinigung, zwei Jahre darauf wieder zum Vorsteher der Westdeutschen Vereinigung, ein Jahr später zum Vorsteher der Deutschen Union. Schuberth war inzwischen 40 Jahre alt (1908). Leider verstarb in diesem Jahr seine 14jährige Tochter. 1910 wurde die Deutsche Union geteilt. Schuberth übernahm den Ostdeutschen Teil.

Mit Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914 wurden die Adventisten vor die Frage gestellt, ob sie sich daran beteiligen sollten oder nicht. Einige Gemeindeglieder hatten bereits den Kriegsdienst verweigert – mit entsprechenden staatlichen Repressionen. Unter den Umständen des Krieges erklärte die Leitung der Europäischen Division und der Deutschen Verbände übereinstimmend die grundsätzliche Bereitschaft der Adventisten zum Militärdienst – auch am Sabbat. Dies hatte die Trennung und Gründung der sogenannten „Reformbewegung“ zur Folge (1915). Nach dem Krieg nahmen die leitenden Brüder in Gland (1923) ihre Stellungnahmen zurück.

1922 wurde Conradi als Präsident der Europäischen Division nicht wiedergewählt. Dem inzwischen 54jährigen Schuberth übertrug man die Aufgabe als Divisions-Feldsekretär in Bern, mit dem Norden, Osten und Südosten Europas. Ab 1927 übernahm er die Abteilung für Glaubens- und Gewissensfreiheit. Nach Aufteilung der Europäischen Division wurde Schuberth Vorsteher der Mitteleuropäischen Division und damit Vizepräsident der Generalkonferenz, eine Aufgabe, die mit vielen Reisen verbunden war.

Als 1933 die Nationalsozialisten in Deutschland die Macht übernahmen, schien sich die Geschichte zu wiederholen. Schuberth äußerte sich nicht dazu. Vermutlich war er immer noch von den Erfahrungen des letzten Weltkrieges geprägt. Im Juli 1933 erklärte er mit 65 Jahren seinen Rücktritt aus Altersgründen und zog 1934 in die Schweiz. Leider erkrankte hier seine Frau und starb noch im gleichen Jahr. Schuberth blieb in der Schweiz und heiratete 1936 die Lehrerin Christine Zybach. Gemeinsam engagierten sie sich in der Wohlfahrtsarbeit der örtlichen Gemeinde. Es war ein aktiver Ruhestand.

Nach dem zweiten Weltkrieg übernahm Schuberth 1946 mit 78 Jahren die Verantwortung für drei Gemeinden. Leider erkrankte auch seine zweite Frau Christine und starb 1959.

Schuberth entschied mit 91 Jahren zu seinem ältesten Sohn Otto und dessen Familie in die USA nach Takoma Park, Maryland, umzusiedeln. Im März 1961 stürzte er und brach sich die Hüfte. Heinrich Franz Schuberth entschlief am 14. April 1961, am Nachmittag seines 93. Geburtstags. Vier Tage später wurde er auf dem Fort Lincoln Cemetery in Washington, D.C., beigesetzt.

Schuberth war als Leiter der Gemeinschaft sehr beliebt und angesehen. Dazu trug sicher auch sein freundliches und ruhiges Wesen bei. Die Gemeindeglieder achteten ihn sehr und bedauerten es, wenn er versetzt wurde. Man nannte ihn noch zu Lebzeiten liebevoll „Halt-Fest-Schuberth“. Seine Aufgaben hat er treu und zuverlässig erfüllt. Die Gemeindeglieder erlebten ihn als einen echten Christen, der auslebte, was er predigte. Er legte bei sich selbst den höchsten Maßstab an. Schwierigkeiten und Missstände versuchte er offen zu klären. Er blickte in die Zukunft, vor allem im Bereich des Erziehungs- und Bildungswesens der Gemeinschaft. Er gilt als einer der Pioniere des Werkes in Mitteleuropa, als Freund und Förderer der Mission und als Freund des Herrn, der ihn eines Tages auferwecken wird.


* Mein Dank gilt Marc Gunnar Dillner, der mir seine Diplomarbeit zur Verfügung gestellt hat: Heinrich Franz Schuberth (1868-1961): Ein biographischer Gang durch die Adventgeschichte in Deutschland, Theologische Hochschule Friedensau, 2002.

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