Schwester Whites Tod (Crisler)

Schwester Whites Tod (Crisler) (63 KB)

Abgedruckt im Zions-Wächter, 6. Sep. 1915, 277-278.
Clarence Creager Crisler (1877-1936) arbeitete von 1901 bis 1916 für Ellen White in ihrem Büro in Elmshaven, Kalifornien.

In dem sonnigen Gemach ihres Heims und Zufluchtsortes „Elmshaven“, in einem geschützten, hügelumgürteten Tal unweit St. Helena in Kalifornien, wo unsre geliebte Schwester während der letzten glücklichen und fruchtbaren Jahre ihres geschäftigen Lebens einen großen Teil ihrer Zeit zugebracht und viel geschrieben hatte, entschlief Frau E. G. White im Herrn so sanft und friedlich wie ein müdes Kind, das sich zur Ruhe begibt. Das Ende trat Freitag, den 16. Juli 1915, nachmittags ein. Um ihr Bett herum standen ihr Sohn, mehrere andere nahe Verwandte, ihre treuen Gehilfen und unermüdlichen Wärterinnen.

Schw. White wurde am 26. November 1827 in Gorham, Maine, geboren und erreichte ein Alter von 87 Jahren, 7 Monaten und 20 Tagen. Ihr Tod war nichts Unerwartetes. Seit ihrem Unfall am 13. Februar dieses Jahres konnten die Ärzte nur wenig Hoffnung auf Wiedergenesung machen. Bei ihrem vorgerückten Alter machte schon die Natur des Unfalls – ein linksseitiger Oberschenkelgelenkbruch – den ärztlichen Befund sehr ernst; und nur der Gnade Gottes und den Gebeten seines Volkes nebst dem unermüdlichen Fleiß der Ärzte und Pflegerinnen war es zu verdanken, daß die letzten Wochen der Kranken verhältnismäßig frei von Schmerzen waren.

Es ist unnötig, die köstlichen Erfahrungen ausführlich zu wiederholen, welche das Leben unsrer lieben Schwester von ihrer in früher Jugend erfolgten Berufung zum Dienst des Herrn bis zu ihrem Todestag kennzeichneten. Aber von all den reichen und mannigfaltigen geistlichen Segnungen, welche ihr während eines siebzigjährigen treuen Dienstes zuteil wurden, waren einige der köstlichen und bleibendsten diejenigen, welche die Frucht von körperlichem Leiden und persönlichen Prüfungen bildeten. Welches Kreuz ihr auferlegt werden mochte, die betrübenden Unglücksfälle ihrer frühesten Kindheit, die bittern Entbehrungen während ihrer Pionierarbeit, der verletzende Spott und die Verachtung der Widersacher, der Verlust ihres geliebten Erstgeborenen, der unerwartete und plötzliche Tod ihres Gatten im Jahre 1881 und die langen schmerzlichen Krankheiten, welche sie in verschiedenen Ländern und unter den schwierigsten Umständen befielen, alles diente ihr nur dazu, das Ziel höher zu stecken und sich fester an den himmlischen Halt zu klammern, welchen jede vertrauende Seele ergreifen kann. Dies bezeugen ihre edlen, anlässlich ihrer 1882 erfolgten wunderbaren Genesung von ihr eigenhändig niedergeschriebenen Gefühle:

Ich erwarte nicht jetzt, über Krankheiten und Widerwärtigkeiten erhoben zu werden und auf meiner Pilgerreise nach dem Himmel ein ruhiges Meer zu finden. Ich erwarte im Gegenteil Prüfungen, Enttäuschungen und schmerzliche Verluste; allein ich habe die Verheißung des Herrn, „meine Gnade ist hinreichend für dich.“ Wir dürfen uns nicht wundern, wenn wir vom Feind aller Gerechtigkeit angegriffen werden. Der Heiland hat versprochen, in jeder Not mit seiner Hilfe gegenwärtig zu sein, aber er hat uns nicht gesagt, daß wir frei von Versuchungen sein sollten. Im Gegenteil, er hat uns darauf vorbereitet, daß Trübsale unser warteten. Die Versuchungen und Prüfungen bilden einen Teil unsrer sittlichen Erziehung. Gerade daraus können wir die wertvollsten Lehren schöpfen und die köstlichste Gnade empfangen, wenn wir näher zu Gott kommen und in seiner Kraft alles ertragen wollen.
Meine Krankheit hat mir meine eigene Schwäche gezeigt, aber auch meines Erlösers Geduld und Liebe und seine Kraft zu retten. In schlaflosen Nächten habe ich Hoffnung und Trost gefunden, indem ich über die Langmut und Liebe Jesu gegen seine schwachen irrenden Jünger nachdachte und mich daran erinnerte, daß er noch derselbe ist, … umwandelbar in Gnade, Mitleid und Liebe. Er sieht unsre Schwäche, er weiß, wie oft es uns an Glauben und Mut gebricht; und doch verwirft er uns nicht. Er ist mitleidig und voll zärtlichen Erbarmens gegen uns.
Ich mag auf meinem Posten fallen, ehe der Herr kommt; aber wenn einst alle, die in ihren Gräbern liegen, hervorkommen, werde auch ich, falls ich treu bleibe, Jesum sehen und ihm gleichgemacht werden. O welche unaussprechliche Freude, denjenigen zu sehen, welchen wir lieben, ihn in seiner Herrlichkeit zu schauen, der uns also liebte, daß er sich selbst für uns dahingab, jene Hände segnend und bewillkommnend gegen uns ausgestreckt zu sehen, welche einst zu unsrer Erlösung durchbohrt wurden! Was tut’s, daß wir uns hier abmühen und leiden, wenn wir nur an der Auferstehung zum Leben teilhaben! Wir wollen geduldig warten, bis unsre Prüfungszeit endet, und dann wollen wir den frohen Siegesruf erschallen lassen.

Nach einem elfmonatigen Kampf mit einer sehr schmerzhaften Form von Nervenentzündungen, welche sie im Dezember 1892 befiel, schrieb sie:

Meine ganze lange Trübsalszeit hindurch wurde ich in hervorragender Weise von Gott gesegnet. Im ärgsten Kampf mit innerlichen Schmerzen hielt ich mir vor: „Meine Gnade ist genügend für dich!“ Zu Zeiten, wenn es mir unmöglich schien, es länger auszuhalten, wenn ich nicht schlafen konnte, blickte ich im Glauben auf Jesum, und seine Gegenwart war mit mir, jeder Schatten von Dunkelheit schwand, und ein heiliges Licht beschirmte mich, ja selbst das Zimmer wurde von dem Licht seiner göttlichen Gegenwart erfüllt. Ich hatte das Gefühl, ich könnte das Leiden willkommen heißen, wenn diese köstliche Gnade es begleiten sollte. Ich durfte erfahren, wie gut und freundlich der Herr ist, voller Gnade und zärtlicher erbarmender Liebe. In meiner Hilflosigkeit und meinen Schmerzen flossen mir Herz und Mund von seinem Lob über.

All die Wochen und Monate ihrer letzten Krankheit hindurch wurde Schwester White durch denselben Glauben und durch dieselbe Hoffnung aufrecht erhalten, welche ihre Lebenserfahrungen in den Tagen ihrer Kraft gekennzeichnet hatten. Ihr persönliches Zeugnis war stets freudig und ihr Mut stark. Sie fühlte, daß ihre Zeit in der Hand Gottes lag und daß seine Gegenwart beständig mit ihr war. Kurz nachdem sie durch den Unfall, welcher ihren Tod beschleunigte, hilflos geworden war, bezeugte sie von ihrem Erlöser:

Ich sehe das Licht in seinem Licht. Ich habe Freude in seiner Freude und Frieden in seinem Frieden. Ich sehe Gnade in seiner Gnade und Liebe in seiner Liebe.

Bei einer andern Gelegenheit sagte sie:

Mein Mut ist in meinem Erlöser begründet. Mein Werk ist nahezu vollendet. Wenn ich die Vergangenheit überblicke, fühle ich nicht die geringste Verzagtheit oder Entmutigung. Ich bin so dankbar, daß mich der Herr vor Verzweiflung und Entmutigung bewahrt hat und daß ich immer noch das Banner hoch halten kann. Ich weiß, wen ich liebe und auf den meine Seele traut.

In bezug auf den herannahenden Tod sagte sie ferner:

Ich habe das Gefühl, je eher, desto besser, und dies Gefühl verlässt mich nicht. Ich habe weder einen entmutigenden Gedanken noch Traurigkeit. Ich habe mich über nichts zu beklagen. Möge der Herr seinen Weg mit mir gehen und sein Werk mit mir tun, so daß ich gereinigt und geläutert werde; das ist alles, was ich wünsche. Ich weiß, daß meine Arbeit getan ist; etwas anderes zu sagen ist überflüssig. Ich werde mich freuen, wenn die Zeit kommt, wo ich mich niederlegen und in Frieden ruhen darf. Ich habe keinen Wunsch, daß mein Leben verlängert wird.

Im Anschluß an ein Gebet desjenigen, welcher die angeführten Worte ihrer Unterhaltung aufgezeichnet hatte, betete sie:

Himmlischer Vater, ich komme zu dir, schwach wie ein gebrochenes Rohr, aber gerechtfertigt durch den Heiligen Geist und durch deine Wahrheit. Ich danke dir, Herr, ich danke dir, und ich will mich keinem entziehen, was du mir zu tragen geben möchtest. Laß dein Licht, laß deine Freude und Gnade in meinen letzten Stunden auf mir ruhen, damit ich dich verherrlichen kann, ist mein großer Wunsch; und das ist alles, worum ich dich bitten will. Amen.

Das Gebet unsrer Schwester wurde vollkommen erhört. Sie hatte den Trost, mit welchem ein Kind des großen Vaters der Liebe und des Lichts kein übel zu fürchten braucht, nicht einmal inmitten der Todesschatten. Während der frühern Wochen ihrer Krankheit hatte sie oft gesungen:

Ich will singen ein Lied von dem herrlichen Land, Der Heimat der Seel’ nach der Zeit; Wo kein Sturm jemals tobt an dem schimmernden Strand, Wo vorbei aller Kummer und Leid. Denn das Bild jener Stätte im Traum schwebt mir vor, Die Mauern von Jaspis so rein. Und es däucht mir, als könnt’ ich mich schwingen empor, Wo die Sünde auf ewig vorbei.

Schwester White hinterlässt zwei Söhne, ferner sieben Großkinder und zwei Urgroßkinder.
Was die unzähligen Herzen anbelangt, welche teils durch ihr öffentliches Wirken, teils durch den Einfluß ihrer Schriften himmelwärts gewendet wurden, ist unnötig, mehr zu sagen, als daß sie während ihrer letzten Krankheit ihr eigenes Herz in liebender Besorgtheit denjenigen zuwandte, deren Gebete für sie zum Thron der Gnade emporstiegen und welche sie bald in der Herrlichkeit zu begrüßen hofft.

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